Winckelmann und Ägypten

Reiseberichte -

Eva Hofstetter: Tete colossale du Sphinx

Frederick Ludewig Norden, der "Königlich Dänische Schiffscapitain und Mitglied der Großbritannischen Societät der Wissenschaften zu London" hatte an der Seekadettenakademie in Kopenhagen Mathematik, Schiffsbau und die Zeichenkunst gelernt. In Holland, Marseille und Italien studierte er im Auftrag des Königs die Schiffsbaukunst, verfertigte Modelle von Ruder­schiffen und hatte Zutritt zu Antiken- und Gemäldesammlungen, in die Werkstätten der Steinschneider und Kupferstecher.

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Frederick Ludewick Norden (1708 - 1742
Markus Tuscher (1705-1751)
Tête colossale du Sphinx
1744

Mit Baron von Stosch beriet er sich seit dieser Zeit brieflich über ägyptische Altertümer. 1737 wurde er von König Christian VI. auf eine einjährige Ägyptenreise geschickt mit dem Auftrag, die Altertümer abzuzeichnen und eine genaue Beschreibung zu liefern, die erst nach seinem frühen Tod mit Unterstüt­zung des Königs veröffentlicht wurde. Nordens Zeichnungen wurden von Marcus Tuscher aus Nürnberg gestochen, jedoch meist ohne Maßanga­ben, obwohl im Text auf solche verwiesen wird. Norden zeichnete als erster eine topographische Karte des Nils von Kairo bis ed-Derr in Nubien, dem südlichsten Ort, den er erreichte, die auf 29 Kupfertafeln mit lateinischer und arabischer Beschriftung und Bemaßung abgebildet ist. Seine Reise von Alexandria nilaufwärts läßt sich auch anhand der 168 Tafeln der Prachtausgaben nachvollziehen: der Hafen von Alexandria mit Schiffen, Kairo und die Pyramiden von Giza vom Nil aus gesehen, die Tempel von Luxor und Theben, die Memnonskolosse. Wie im Text gab I Norden auch auf den Tafeln Einblicke in das damalige Alltagsleben (z. B. wassertragende Frauen) und informierte über das Land (Pflanzen, Tiere, Gebrauchsgegenstände etc.). In den Berichten finden sich neben Beschrei­bungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen praktische Ratschläge, z. B. wo man Geld wechseln solle oder der Reisende solle sich türkisch kleiden und sich einen Janitscharen zu seinem persönlichen Schutz enga­gieren. Von Liebesabenteuern riet er dringend ab. In Alexandria bezeich­nete er als erster das Material der Pompejus-Säule als rötlichen Granit. Er kritisierte die Zeichnung des französischen Ägyptenreisenden Paul Lucas, die Maillet einfach abgezeichnet hatte: Die Basis sei dort vereinfacht dar­gestellt, vielleicht um vorzutäuschen, daß der geplante Abtransport nach Frankreich einfach zu bewerkstelligen wäre.

In Kairo hielt sich Norden länger als vier Monate auf. Die Pyramiden, meinte er, seien vor Erfindung der Hieroglyphen erbaut, da keine solchen auf ihnen zu finden sind. Das Innere der Pyramiden empfahl er, wegen der Hitze nur mit dem Hemd bekleidet zu erforschen. Danach solle man ein Glas Branntwein trinken, um den Körper wieder an die Außentemperatur zu gewöhnen. Von der Chephren-Pyramide lieferte er mehrere Zeichnun­gen, eine aus der Vogelperspektive, dagegen keine von der Cheops-Pyra­mide, da diese von Greaves gen au abgebildet war (vgl. Kat. 2). Norden konnte sich nicht mehr selbst um die Veröffentlichung seines aus Ägypten mitgebrachten Materials kümmern, da er vier Jahre nach seiner Rückehr starb (1742). 1741 legte er jedoch Drawings of some ruins and colossal statues at Thebes in Egypt, with an account of the same, in a letter to the royal Society vor. Auf Befehl des dänischen Königs Christian VI. wurde das nicht fertig ausgearbeitete Material nach Dänemark gebracht, und das Werk 1755 in französischer Sprache von der Akademie der Wissen­schaften in Kopenhagen herausgegeben: Voyage d'Egypte et de Nubie par Monsieur Prederic-Louis Norden, Capitaine des Vaisseaux du Roy, ouv­rage enrichi de Cartes et de figures dessinees sur les lieux par l' Auteur meme. Der zweite Teil gibt noch die ursprüngliche Fassung, das Reiseta­gebuch Nordens, wieder. 1757 folgte eine englische Übersetzung in Folio­format, in der jedoch für die Kupfertafeln dieselben Platten verwendet wurden, wie die französischen Bildunterschriften zeigen. In der deutschen Ausgabe in Oktavformat sind nur wenige Stiche eingebunden. Da die Prachtausgaben nur selten in Bibliotheken vorhanden waren, wurde auch in England eine Oktavausgabe herausgegeben, die schnell vergriffen war. Solche kleinformatigen handlichen Bücher eigneten sich vor allem zum Mitnehmen als Reiseführer. Vergleicht man die Abbildungen der beiden >Konkurrenten< Pococke und Norden, fällt das größere Zeichentalent von letzterem auf. Winckelmann benutzte das Werk Nordens weniger als den Bericht von Pococke.

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