Altägypten (be)greifen

40 Berührungspunkte für Blinde und Sehende

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München, 9. Feb. - 15. Oktober 2006
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Schrift im Alten Ägypten

Die Entzifferung der Hieroglyphen im Jahr 1822 durch den Franzosen Jean-François Champollion erbrachte auch den Schlüssel zum Verständnis der altägyptischen Kultur, die ein riesige Anzahl von Schriftzeugnissen überliefert hat. Dabei waren nicht nur Papyri, die Wände von Tempel und Gräbern oder Denksteine Träger von Texten. Inschriften finden sich nahezu auf allen nur denkbaren Gegenständen aus dem Bereich des Alltagslebens und der Grabausstattung: auf Möbeln und Gefäßen, auf Statuen und Statuetten, auf Särgen, Kanopen und Uschebtis. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur etwa fünf Prozent der damaligen Bevölkerung Lesen und Schreiben konnte, also eine kleine Oberschicht. Aus dieser Elite stammten auch die Priester, die Beamten und Militärführer. Doch dieses System war durchlässig: Immer wieder begegnet man Menschen aus einfacheren Kreisen, denen es aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten gelungen ist, bis an die Spitze der Verwaltung zu gelangen oder sogar in die königliche Familie einzuzuheiraten.

Das Wort Hieroglyphen kommt aus dem Griechischen und bedeutet heilige Zeichen. Darunter versteht man die klaren Bildzeichen, die gewissermaßen die Druckschrift bildeten. Sie wird verwendet in den Inschriften der Tempel und Gräber, auf Monumenten aus Stein oder Holz wie Statuen, Denksteinen oder Särgen. Auf Papyrus verwendete man das Hieratische, eine kursive Handschrift, die im Bereich der Verwaltung verkürzt werden konnte zu einer Art Kurzschrift, die sogenannte demotische Schrift.

Oft wird gesagt, dass die Hieroglyphen eine Bilderschrift seien. Dies ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Denn die Zeichen haben unterschiedliche Funktionen.

Da gibt es zunächst die Bildzeichen, die tatsächlich das bedeuten, was sie darstellen. So ist das Zeichen eines Elefanten als Elefant zu lesen, das Zeichen eines Gesichtes als Gesicht. Dann gibt es die Lautzeichen. Sie stehen für einen, zwei, drei und in seltenen Fällen sogar für vier Konsonanten, die Vokale wurden nicht geschrieben. Dadurch können sich jedoch Doppeldeutigkeiten ergeben. So könnte zum Beispiel im Deutschen die Folge von Err und Te ergänzt werden zu den Worten rot, Rute, Raute oder Rat. Um hier Eindeutigkeit zu schaffen, wurden nach den Lautzeichen sogenannte Deutzeichen gesetzt. Bei Rot könnte dies ein Pinsel, bei Rute ein Zweig, bei Raute die geometrische Form sein.

Obwohl die Ägypter durch die Einkonsonanten-Zeichen in der Lage gewesen wären, alle Worte zu schreiben und damit praktisch ein Alphabet zu entwickeln, haben sie dies niemals getan oder auch nur versucht. Die Hieroglyphen waren eben die heiligen Zeichen, die auch als Symbole oder Amulette verwendet werden und magische Wirkung haben konnten. Und letztendlich lassen sich mit einer zu lesenden, nicht zu deutenden, Bilderschrift viel mehr Informationen geben als mit einer abstrakten Lautschrift.

In der pharaonischen Zeit gibt es rund fünfhundert bis siebenhundert verschiedene Zeichen, die ein ägyptischer Schreiber als erstes lernen musste.

Zum Thema "Schrift" vorgestellte Objekte:

Schilfblatt und Gans

Der Blütenstand des Schilfwedels liefert das Vorbild für die Hieroglyphe "Schilf". Dies bedeutet in der Übersetzunge jedoch nicht "Schilf", sondern gibt den Konsonanten J wieder, genauer gesagt den Lautwert dieses Schriftzeichens. Es handelt sich also um ein so genanntes Einkonsonantenzeichen. Da dies ein sehr häufig verwendetes Schriftzeichen ist, findet es sich in fast jeder hieroglyphischen Inschrift.

Auch die Gans steht nicht für den gleichnamigen Vogel, sondern stellt ein Zweikonsonantenzeichen dar, das den Lautwert sa besitzt. Dies bedeutet in der Übersetzung das Wort Sohn.

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Hase und Brot

Auch die Hieroglyphe eines liegenden Hasen gehört innerhalb der Lautzeichen zur Gruppe der Zweikonsonantenzeichen. Es steht für die Folge der Buchstaben W und E. In der Übersetzung handelt es sich um das Verb Sein oder Existieren und die davon abgeleiteten Formen. Da dies wie im Deutschen ein häufig verwendetes Wort ist, erscheint die Hieroglyphe des liegenden Hasen ebenfalls in vielen Inschriften.

Das Schriftzeichen, das aussieht wie ein Halbkreis, geht auf den Querschnitt eines angeschnittenen Brotes zurück. Es kann tatsächlich für die Schreibung eines Brotes in dieser Form benutzt werden, steht jedoch meistens wieder für einen einzelnen Konsonanten, in diesem Fall den Buchstaben T. Dieses Zeichen dient auch zur Kennzeichnung femininer, das heißt weiblicher, Worte und tritt daher auch sehr häufig auf.

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Ausschnitt aus einer Inschrift

Dieses Relief ist Teil der Dekoration eines Grabes und zeigt den Beginn einer langen Inschrift, in der die Vergabe von Ämtern an einen hohen Beamten und die Gründung einer Totenstiftung angesprochen werden.

An diesem Beispiel lässt sich die Anordnung der Hieroglyphen erkennen. Zunächst ist die Inschrift durch senkrechte Linien in einzelne Zeilen getrennt, was eine Schriftrichtung von oben nach unten vorgibt. Die Leserichtung ergibt sich aus der Ausrichtung der Zeichen, die Menschen oder Tiere darstellen, denn diese schauen stets zum Anfang eines Textes. Im vorliegenden Beispiel müssen die Hieroglyphen also von oben nach unten und innerhalb der Zeile von links nach rechts gelesen werden. Man könnte diesen Text auch andersherum schreiben, dann müssten alle Zeichen umgedreht beziehungsweise gespiegelt werden. Ebenfalls möglich ist die Schreibung in horizontalen Zeilen, auch dann könnte man die Hieroglyphen sowohl von rechts nach links als auch von links nach rechts anordnen. Die Entscheidung hierüber ist häufig im Anbringungsort der jeweiligen Inschrift begründet und dem sich daraus ergebenden Platz, der zur Verfügung steht.

Bei der Anordnung innerhalb der Zeilen wurden die Hieroglyphen nicht beliebig aneinander gereiht, sondern innerhalb eines gedachten Quadrats oder Rechtecks angeordnet und zu Worten zusammengestellt. Dabei konnte bei Bedarf die Größe der einzelnen Zeichen den Erfordernissen des zur Verfügung stehenden Platzes angepasst werden. Außerdem vermied man nach Möglichkeit Leerstellen. Stattdessen gab es die Möglichkeit, einzelne Mehrkonsonantenzeichen durch die Schreibung von Einkonsonantenzeichen zu ergänzen. Manchmal wurde ein Wort auch zunächst aus Einkonsonantenzeichen zusammengesetzt und gleich im Anschluß durch das entsprechende Mehrkonsonantenzeichen ein zweites Mal geschrieben. Es wird jedoch nur einmal gelesen. Diese Konventionen in der Schreibung können manchmal die Lesung und damit die Übersetzung erleichtern, bilden jedoch auch Klippen für den altägyptischen Schüler und den modernen Übersetzer.

An dieser Inschrift ist auch zu erkennen, dass die Hieroglyphen in einer ununterbrochenen Folge aneinander gereiht werden. Einen Worttrenner, eine Leertaste zwischen den einzelnen Wörtern hat es nicht gegeben. Ebenso kennt die Hieroglyphenschrift keine Satzzeichen, was die Lesung und Übersetzung weiter erschwert. Die zuvor erklärten Schriftzeichen in Gestalt von Schilfblatt, Hase und Brot lassen sich alle in dieser Inschrift finden.

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Schreibutensilien und Papyrus

Das Werkzeug des Schreibers bestand aus drei Teilen: einer Palette mit zwei Farbnäpfchen, einem kleinen Lederbeutel für die Farbpigmente und einem Röhrchen zur Aufbewahrung der Pinsel. Um diese Dinge griffbereit zu haben, verband man sie mit einem dünnen Lederriemen. Diesen legte sich der Schreiber über die Schulter und hatte so sein Schreibgerät stets zur Hand.

In den Näpfchen wurden die trockenen Farben mit Wasser angerührt, ähnlich wie bei unseren Wasserfarben. Der normale Text wurde in Schwarz geschrieben, besonders wichtige Dinge hob man mit roter Farbe hervor. Geschrieben wurde mit Binsen, die an einem Ende schräg angeschnitten und fasrig gekaut wurden. Auf manchen Darstellungen sieht man Schreiber, die sich Binsen hinters Ohr geklemmt haben.

Die Papyrusblätter wurden aus den Stängeln der gleichnamigen Pflanze gewonnen. Diese wurden längs in lange dünne Streifen geschnitten, welche dann gewässert, überkreuz gelegt und miteinander festgeklopft wurden. Dieses aufwendig hergestellte Material wurde jedoch nur für besondere Zwecke verwendet, etwa für Urkunden oder Totenbücher. Im Alltag und in den Schreiberschulen verwendete man Tonscherben oder größere Kalksteinsplitter. Diese Schreibmaterialien werden als Ostraka bezeichnet, dem griechischen Wort für Scherben.

Auf Papyrus und Ostraka wurden jedoch nur in Einzelfällen in Hieroglyphenschrift geschrieben. Stattdessen benutzte man eine Schreibschrift, eine kursive Schrift, die Hieratisch genannt wird und wesentlich schneller zu schreiben ist. In dieser jeweils individuell geprägten Schrift wurden Briefe, Gedichte und Geschichten, historische Texte, aber auch die wissenschaftliche Literatur geschrieben wie medizinische, mathematische oder astronomische Abhandlungen. Speziell für den Verwaltungsbereich entwickelte man eine aus dem Hieratischen abgeleitete Kurzschrift, das Demotische, das vor allem in den Amtsstuben und Kanzleien verwendet wurde.

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Schreiberfigur des Henka

Zum Schreiben setzte man sich im Schneidersitz auf den Boden, spannte seinen Schurz und legte darauf den Papyrus. Genau diese Haltung gibt der Statuentyp des Schreibers wieder. Ein Mann namens Henka sitzt mit überkreuzten Beinen auf dem Boden. Das über seinem kurzen Schurz ausgebreitete Papyrusblatt hält er mit der linken Hand fest. In der rechten Hand hielt er die Schreibbinse, die allerdings nicht im Material der Kalksteinfigur ausgeführt wurde. Sein Oberkörper ist unbekleidet, er trägt jedoch eine sorgfältig ausgeführte Perücke aus feinen Löckchen.

Dies gibt den Hinweis, dass es sich bei den dargestellten Personen nicht um Schreiber im Sinne von Schreibkraft, sondern um hochgestellte Beamte gehandelt hat. Nur wer eine Schreibausbildung genossen hatte, die im Prinzip jedem offen stand, konnte Mitglied der privilegierten Beamtenschicht werden. Die Ausbildung begann im Alter von fünf bis sechs Jahren und fand im Palast oder Tempel statt. In der Oberschicht konnten auch die Mädchen Schreiben lernen.

Der Schreiber ist darüber hinaus auch das Sinnbild des weisen und gelehrten Mannes. Hohe Beamte und Intellektuelle ließen sich im Typus des Schreibers darstellen, vergleichbar den Politikern und Schriftstellern heute, die sich vor einer dicht bestückten Bücherwand fotografieren lassen.

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Bauklammer mit königlicher Inschrift

Dieser quaderförmige Granitblock wird wegen seiner Form mit den nach innen geschwungenen Längskanten auch Schwalbenschwanz genannt. Er diente dazu, große Steinblöcke im Mauerverband miteinander zu verzahnen. Auf seiner Oberseite trägt er eine Inschrift aus Hieroglyphen. Dies waren gewissermaßen die Druckbuchstaben, die man vor allem in offiziellen Inschriften in Tempeln, auf Gedenksteinen, Statuen und in Gräbern verwendete.

Klar zu erkennen ist ein liegendes längliches Oval, die sogenannte Kartusche. Sie umschließt den Königsnamen. In diesem Fall lautet der Name Menmaatre, dies ist der Thronname des Königs Sethos des Ersten vom Beginn der neunzehnten Dynastie, um dreizehnhundert vor Christus. Die beiden Zeichen rechts vor der Kartusche sind netscher nefer zu lesen und bedeuten vollkommener Gott. Dies ist eine häufige Bezeichnung für den ägyptischen König, die auf seine Doppelnatur verweist. Der ägyptische König ist immer Gott und Mensch zugleich gewesen. Dies leitet jedoch bereits zum nächsten Kapitel über.

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