Altägypten (be)greifen

40 Berührungspunkte für Blinde und Sehende

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München, 9. Feb. - 15. Oktober 2006
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Götterwelt und Kult

Auf den ersten Blick wirkt die Vielfalt der altägyptischen Götter verwirrend und unlogisch. Doch bei genauerer Betrachtung lassen sich klar gegliederte Strukturen erkennen. Zunächst ein Blick auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen. Im Prinzip kann jede ägyptische Gottheit auf drei verschiedene Arten dargestellt werden: als Mensch, als Tier oder als Mischwesen mit Menschenleib und Tierkopf. In der christlichen Religion gibt es in den zehn Geboten das Verbot, Gott bildlich darzustellen - im Alten Ägypten ist dies die wichtigste Aufgabe des Künstlers. Er soll dem Menschen ein Bildnis schaffen von etwas, was eigentlich nicht darstellbar ist - das Göttliche. Und dazu benutzt er die Wiedergabe von nicht-menschlichen, übermenschlichen, also göttlichen Wesen. Die Mischgestalt der Götter ist also ein künstlerisches Prinzip.

Tiere als Erscheinungsformen des Göttlichen bedeuten hingegen nicht, dass die Ägypter Tiere angebetet haben. Ein Tier konnte - wie auch manche Pflanzen - die Ausdrucksform des Göttlichen sein. So werden die Fähigkeiten oder Eigenschaften mancher Tiere dazu benutzt, bestimmte Wesenszüge der Götter darzustellen. So können gefährliche oder kriegerische Gottheiten mit dem Bild eines Löwen verbunden werden, die männliche Fruchtbarkeit durch das Bild eines Stieres oder eines Widders veranschaulicht werden. Himmelsgötter zeigen die Gestalt eines Vogels, Muttergottheiten die einer Kuh.

Dies bedeutet, das bestimmte Gestalten nicht auf eine Gottheit beschränkt sind, sondern mehreren Göttern zugeordnet werden können. Hathor, Isis, Nut oder Junit können in der Erscheinungsform als Kuh - oder als Frau mit Kuhkopf dargestellt werden. Sachmet, Mut, Tefnut oder Pachet treten als Löwengöttinen auf, um nur einige Beispiele zu nennen. Andersherum muß ein Gott nicht auf eine einzige Erscheinungsform beschränkt sein. Je umfassender sein Wesen, je vielfältiger sein Wirkungskreis, desto zahlreicher sind seine Erscheinungsformen. So kann etwa der Sonnengott Re in nahezu jedem Tier dargestellt werden, da die gesamte Natur seinem Wirken ihre Existenz verdankt.

Zum Thema "Götterwelt" vorgestellte Objekte:

Die Götterfamilie von Osiris, Isis und Horus

Eines der wichtigsten Gliederungsprinzipien der ägyptischen Götterwelt ist ihre soziale Struktur. Götter werden in verwandtschaftliche Beziehungen zueinander gestellt, am wichtigsten ist die Kleinfamilie. Sie besteht aus drei Göttern - einer männlichen oder Vatergottheit, einer weiblichen oder Muttergottheit sowie einer meist männlichen Kindgottheit. Diese soziale Struktur wird kombiniert mit der jeweiligen Lokaltradition. Dies bedeutet, dass eine Götterfamilie meist als Triade in einem bestimmten Tempel verehrt wird.

Eine der bekanntesten Götterfamilien wird gebildet von Osiris, seiner Gemahlin Isis und ihrem gemeinsamen Sohn Horus. Ihre Geschichte erzählt der Horus-Mythos. Danach regierte Osiris zu der Zeit, als die Götter noch auf Erden herrschten, als lebender Pharao die Welt. Sein Bruder Seth neidete ihm diese Herrschaft und tötete seinen Bruder. Anschließend zerstückelte er dessen Leichnam und verstreute die einzelnen Teile im ganzen Land. Isis sammelte alle Glieder wieder ein, fügte den Leib des Osiris wieder zusammen, erweckte ihn zu neuem Leben und empfing den Sohn Horus. Diesen muß sie als Kind vor den Verfolgungen seines Onkels Seth schützen. Osiris wurde zum Herrscher im Jenseits, während sein Sohn Horus als Erwachsener das weltliche Erbe seines Vaters antrat und ihn rächte. So beginnt der Kampf des Horus gegen Seth, die immerwährende Auseinandersetzung des Guten gegen das Böse. Der regierende Pharao ist die Verkörperung des Horus auf Erden, der verstorbene König wird zu Orisis.

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Figur des Jenseitsherrschers Osiris

Als Herrscher im Jenseits trägt Osiris die Insignien des regierenden Königs. Dies sind die beiden Szepter, der Krummstab und ein Wedel sowie die Uräusschlange vor der Stirn. Auf dem Kopf trägt er die für ihn typische Krone, die Atef-Krone genannt wird und aus einem länglichen Mittelstück mit zwei seitlich angesetzten Straußenfedern besteht. Wie der König trägt auch der Gott einen künstlichen Bart am Kinn, doch hat er eine andere Form: Er ist geflochten und am unteren Ende nach vorn eingerollt.

Auf seine Funktion als Jenseitsherrscher verweist auch sein Gewand. Sein gesamter Körper ist in Mumienbinden eingehüllt, unter denen sich die Gliedmaßen abzeichnen. In Malereien ist das Gesicht des Osiris oft in schwarzer oder grüner Farbe wiedergegeben. Dies verweist auf seine ursprüngliche Funktion als alte Erntegottheit sowie auf seine Bedeutung als Auferstehungsgott. Denn Grün ist die Farbe der Fruchtbarkeit, und Schwarz nicht etwa die Farbe der Trauer, sondern die Farbe des fruchtbaren Nilschlamms, der nach der jährlichen Überschwemmung zurückblieb und die Felder bedeckte.

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Statuette der Göttin Isis mit dem Horusknaben

Isis ist der Inbegriff der ägyptischen Muttergöttin und wird daher meist als thronende Frau dargestellt, die ihren kleinen Sohn Horus auf dem Schoß hält und ihn stillt. Aus dieser Darstellung der stillenden Muttergottheit hat sich im frühchristlichen Ägypten das Bild der stillenden Mutter Gottes mit dem Jesusknaben auf dem Schoß entwickelt.

Isis trägt ein knöchellanges Gewand, eine Strähnenperücke sowie einen hoch aufragenden Kopfputz. Dieser besteht aus einem Kuhgehörn mit Sonnenscheibe und verweist auf die andere mögliche Erscheinungsform dieser Göttin, die auch in Gestalt einer Kuh auftreten kann.

Ihr kleiner Sohn Horus sitzt quer zu ihrer Körperachse auf ihrem Schoß. Als Kind ist er nackt dargestellt, mit kahlgeschorenem Kopf und der an der Schläfe ansetzenden Jugendlocke, einem geflochtenen Zopf. Als göttliches Kind trägt er wie seine Mutter die Uräusschlange vor der Stirn. In vielen Darstellungen hat er den Zeigefinger der rechten Hand an den Mund gelegt - dieser Lutschfinger gehört wie Nacktheit und Jugendlocke zu den Merkmalen der Darstellung von Kindern, auch menschliche Kinder werden in dieser Art dargestellt.

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Löwenkopf der Göttin Sachmet

Dieses Fragment stammt von einer lebensgroßen Granitstatue, die die Göttin Sachmet als Mischwesen in Gestalt einer Frau mit Löwenkopf zeigt. Am Halsansatz sind noch die Reste der Löwenmähne zu erkennen - der Frauenkörper war also mit dem Kopf eines männlichen Löwen verbunden. Offensichtlich hielten die Ägypter den männlichen Löwen für das wildere und gefährlichere Tier, den Sachmet verfügt über ein aggressives Wesen.

In Übersetzung bedeutet der Name der Göttin die Mächtige. Sie ist die Kriegsgöttin, die den König in die Schlacht begleitet, sie kann Krankheit und Verderben über das Land bringen und muß daher mit Opfergaben besänftigt werden. Dann schützt sie die Menschen vor eben diesen Gefahren. In der Götterwelt ist sie die Gemahlin des Schöpfergottes Ptah von Memphis. Die ihnen zugeordnete jugendliche Gottheit ist Nefertem, auf männlicher Seite verantwortlich für Schönheit und Kosmetik.

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Zwei Statuetten der Göttin Bastet

Die Göttin Bastet ist die friedfertige und sanftmütige Version der kämpferischen Löwengottheit Sachmet. In diesen beiden Figuren aus Bronze ist sie in ihren beiden wichtigsten Erscheinungsformen dargestellt: als Frau mit Katzenkopf und in reiner Tiergestalt als Katze. Das Tier sitzt in seiner charakteristischen Haltung hoch aufgerichtet und aufmerksam, den Schwanz um seine linke Seite bis vor die Vordertatze gelegt. Die elegant geschwungenen Linien des Körpers machen die ägyptische Katze zum Inbegriff dieses Tieres überhaupt.

In ihrer Mischgestalt als Frau mit Katzenkopf trägt Bastet ein langes, gemustertes Gewand. Im Gegensatz zur Darstellung anderer Mischwesen zeigt sie immer nur den Tierkopf, ohne Perücke oder Krone. In den Händen hält sie zwei Rasselinstrumente, ein Sistrum und ein Menit, die vor allem im Kult weiblicher Gottheiten verwendet wurden.

Solche kleinen Götterfiguren wurden als Votivgaben in den Tempel der jeweiligen Gottheit gestiftet. Der wichtigste Kultort der Bastet lag im Nildelta, in der Stadt Bubastis. Sie wurde vor allem in der Spätzeit verehrt und war in der Zeit zwischen etwa siebenhundert und dreihundert vor Christus besonders populär. Aus dieser Epoche stammen auch die meisten ihrer tiergestaltigen Figuren. Diese wurden meist auf einen kleinen, ebenfalls bronzenen Kasten aufgesetzt, der als Sarg für eine Katzenmumie diente.

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Schrein mit Götterfigur

Das Prinzip des ägyptischen Tempels ist der Weg. Er führt von außen nach innen, von der profanen Außenwelt hinein ins Allerheiligste, wo die Kultstatuen der Götter aufbewahrt wurden. Dort hatten nur der König und die höchsten Priester Zugang. Daher ist jeder Tempel eine Folge von Räumen, die immer kleiner, niedriger und dunkler werden. Auf offene Höfe folgen Säulenhallen, Rampen führen leicht nach oben, Decken senken sich herab. Große Türen schließen die einzelnen Räume voneinander ab. In umgekehrter Abfolge ist dies auch der Prozessionsweg der Götter nach außen, wenn sie in ihren Statuen bei großen Festen den Tempel verlassen.

Diese Kultstatuen sind, anders als etwa bei den Griechen und Römern, keine kolossalen, frei aufgestellten Statuen gewesen. Es waren vielmehr kleinformatige Statuetten, allerdings aus wertvollen Materialien, meist aus Gold. Daher haben sich auch nur wenige dieser Bildnisse erhalten, da sie in späterer Zeit eingeschmolzen wurden. Aufbewahrt wurden sie in kleinen, hölzernen Schränkchen, die von einer Doppelflügeltür verschlossen wurden. Diese Kultbildschreine konnten ebenfalls vergoldet werden und wurden zusätzlich oft in einen größeren Schrein aus Hartgestein, gefertigt aus Granit oder Basalt, gestellt.

Die Reliefs an den Wänden des Allerheiligsten schildern den Verlauf des täglichen Rituals, das im Prinzip nur vom König als oberstem Priester durchgeführt werden konnte, da nur der König dem Gott gegenübertreten durfte. In der Praxis wurde er durch den Hohenpriester des jeweiligen Tempels ersetzt. Beim täglichen Kultbildritual wurde der Riegel des Schreins zurückgeschoben und die Türflügel geöffnet. Dann wurde die Statue entnommen, gereinigt, gesalbt und neu bekleidet. Anschließend wurden die Opfergaben dargebracht in Form von Speisen, Getränken und Weihrauch. Während des Vollzugs dieses Rituals war der jeweilige Gott anwesend und in seiner Statue präsent, so der Glaube der Ägypter.

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Sistrum und Räucherschale

Um die Götter während der täglichen Rituale gnädig zu stimmen, wurde ihnen Räucherwerk in Schalen dargebracht. Außerdem begleitete man die heiligen Handlungen mit klimpernden und rasselnden Instrumenten, deren wichtigstes das Sistrum war.

Das Sistrum ist ein Rasselinstrument mit einem stabförmigen Griff, in den oben ein schlaufenförmig gebogenes Metallband eingelassen ist. Dies ist an mehreren Stellen beidseitig durchbohrt. Durch diese Löcher wurden dünne Metallstangen gesteckt, auf denen wiederum mehrere Metallplättchen saßen. Beim Schütteln des Griffes ergab sich ein rasselndes Geräusch. Dies soll an das Rascheln der Kuh der Göttin Hathor im Papyrusdickicht erinnern. Daher war ein figürlich dekoriertes Sistrum mit dem Kopf dieser Göttin auch ihr Kultsymbol.

Das Räuchergefäß besteht aus einem runden Fuß und einem nach oben schlanker werdenden Ständer, der als Griff diente. Darauf sitzt eine flache Schale, in der das Räucherwerk entzündet wurde. Der kostbare Weihrauch war in Ägypten nicht heimisch und musste von der arabischen Halbinsel und aus Ostafrika importiert werden. Dort lag das sagenhafte Weihrauchland Punt, in das die Königin Hatschepsut ihre Schiffe entsandt hatte, um ganze Weihrauchbäume zu holen und vor ihrem Tempel in Theben-West einzupflanzen.

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